Die Welteroder Waldwiesen

von | Erwerbsleben

Der Weg aus der Futterknappheit

Als Höhengemeinde hatte Welterod früher sehr viele landwirtschaftliche Klein- und Mittelbetriebe. Der hohe Viehbestand führte aufgrund der mageren Böden in regenarmen Jahren immer wieder zu Futterknappheit. Obwohl jeder Wegrain und Pfad gemäht wurde, war die Versorgung der Tiere oft nicht sichergestellt. Dieses existenzielle Problem wurde vor über 200 Jahren gemildert, als man damit begann, Waldwiesen anzulegen. Die ältesten Aufzeichnungen dazu stammen aus nassauischer Zeit. In dem „Buch 1 Wald-Grenzkarten Welterod von 1865“ sind die Grenzen und damaligen Bezeichnungen der Wiesen sehr genau aufgeführt. Deren Schreibweise hat sich seitdem teilweise geändert. Auch gab es immer wieder Änderungen der Grundstücksgrößen – doch das System und die Bedeutung der Welteroder Waldwiesen blieb bis 1960 erhalten. Folgender Kartenausschnitt gibt einen Überblick auf die Lage der Wiesen in den Walddistrikten:

  1. Beckersoder im Distrikt 23
  2. Kleine u. große Bresseyen im Distrikt 20
  3. Bubenseyen u. Haselwiese im Distrikt 19
  4. Wirtsbubenseyen zwischen Distrikt 17 & 19
  5. Kleine u. große Heyenseyen in den Distrikten 9 & 10
  6. Stackenstein zwischen Distrikt 16 & 35
  7. Stripswies zwischen Distrikt 35 & 36
  8. Kleine Sauerbornswiese an Distrikt 106 & 107
  9. Große Sauerbornswiese zwischen Distrikt 106 & 107

Die Bewirtschaftung: Ein schwieriges Unterfangen

Die Grundstücke lagen alle in feuchtem Grund oder an einem Bach und konnten teilweise mittels Quergräben bewässert werden. Allerdings barg die hohe Feuchtigkeit auch Nachteile bei der Bewirtschaftung …

Der Weg zum Dorf

Mit einem Kuhfuhrwerk konnte das Futterholen eine halbe Tagesreise dauern. Dazu kam, dass auf dem feuchten Grund und wegen der oft schrägen Lage keine Mähmaschinen einsetzbar waren. Es musste also komplett mit der Sense gemäht werden.

In der Zeit der Heuernte gingen die Bauern also morgens um 3 Uhr hinaus, da sich das taufrische Gras leichter schneiden ließ. Jeder hatte mindestens 2 frisch gedengelte (=geschärfte) Sensen dabei. Wer die Fertigkeit des Dengelns beherrschte, brachte auch oft noch Dengelstock und Dengelhammer mit, um an Ort und Stelle die Sense nachzuschärfen.

Ein weiterer Nachteil der Waldwiesen zeigte sich beim anfallenden 2. Heuschnitt (dem Krummet). Die Lage im Wald und die zu dieser Zeit tief stehende Sonne verhinderten eine Trocknung an Ort und Stelle, sodass das frische Gras herausgefahren und auf einer Wiese im Ortsbereich erneut ausgebreitet (gespraat) werden musste. Hier wurde der Krummet dann durch mehrmaliges Wenden mit dem Rechen getrocknet und für den Winter haltbar gemacht.

 

1 Sense | 2 Sensenschlüssel | 3 Dengelsstock | 4 Dengelhammer | 5 Schleifstein

Willkommene Frauenpower

Das stundenlange Mähen war im Allgemeinen harte Männerarbeit. In Welterod gab es nach Kenntnis des Verfassers nur eine Frau, die dabei mithalten konnte: Es war Katharina Crecelius (genannt Ecke-Katterin, Großmutter von Ernst Bickert). Sie brachte bei der Mäharbeit manchen schwächeren männlichen Mitstreiter in Verlegenheit!

"Ecke-Katterin"

"Ecke-Katterin"

Katharina und August Crecelius (alias "Ecke-August" und "Ecke-Katterin") während dem Altenkaffee 1957; Ausschnitt einer Aufnahme von Pfarrer Christian Becker.

Die Waldwiesen heute

Erst Ende der 1950er Jahre kam der große Wandel in der heimischen Landwirtschaft. Die kleinen Betriebe gaben nach und nach auf. Für die Feldarbeit kamen immer mehr Maschinen zum Einsatz, die ebenfalls in den Waldwiesen nicht eingesetzt werden konnten. Im Rahmen der Flurbereinigung 1958/59 übernahmen der Gemeinde- und der Staatsforst die auf oder an ihrem Gelände liegenden Flächen. Einige Teile forstete man auf, andere blieben als Äsungsflächen für das Wild erhalten. Bei einem Rundgang durch die Gemarkung Welterod lassen sich in den meisten Fällen noch die Konturen der ehemaligen Waldwiesen erkennen.

 

Wenn Sie nun das nächste Mal in unserer Gegend spazieren, entdecken Sie vielleicht ein oder zwei der einstigen Waldwiesen wieder? Ein Spaziergang rund um Welterod lohnt sich immer.