Jüdisches Leben in Welterod
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Teil 1 Einleitung und Vorgeschichte
Jüdisches Leben ist seit dem 4. Jahrhundert nach Christus im deutschsprachigen Raum nachweisbar. Im Mittelalter, besonders während der Kreuzzüge, kam es zu Verfolgungen und Pogromen, in deren Folge eine Ostwanderung jüdischer Familien nach Polen, der Ukraine und Russland begann. Die damals gesprochene deutsche Sprache behielten sie bei und wird, mit eigenem Tonfall und einer Anreicherung slawischer und hebräischer Begriffe, bei orthodoxen Juden noch heute als jiddisch verwendet. Im 17. und 18. Jahrhundert begann, ebenfalls wegen Verfolgungen und Pogromen, wieder eine Auswanderungsbewegung nach Westen und später auch in die USA.
Wegen ihrer Fähigkeiten als Ärzte, als Handwerker, Kenntnissen im Tierhandel, ihren überregionalen Beziehungen und im Geldverleih wurden jüdische Familien von Territorialherren angeworben und unter ihren Schutz gestellt. Sie hatten dabei gegenüber der christlichen Bevölkerung einen besonderen Status, der durch die unterschiedlichsten Judenverordnungen geregelt wurde. Juden hatten Abgaben zu leisten, wie Aufnahme-, Einzugs- und Abzugsgelder, Schutzgelder, Leibzoll, Abgaben für die Beerdigung der Toten, Neujahrsgelder und Schlachtgelder. 1-001
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Die Situation Welteroder Juden im Fürstentum Nassau-Weilburg am Ende des 18. Jahrhunderts
Das Erwerbsleben der jüdischen Familien unserer Heimat war in dieser Zeit auf den Handel beschränkt, da sie weder Grundbesitz hatten und ihnen auch die allgemeinen Berufsausübungen nicht möglich waren. Starb ein Familienoberhaupt vorzeitig, gerieten die übrigen Mitglieder in bitterste Armut und mussten sich von Almosen oder vom Betteln ernähren. Von diesen verarmten Menschen gab es im Jahr 1797 in Welterod drei Familien:
Der alte verarmte und somit vom Schutzgeld befreite Jud Aron.
Jud Davids Witwe mit 9 Kindern, welche auch wegen Armut von Schutzgeld befreit sind.
Jud Süsmanns Witwe mit einigen Kindern, welche bettelarm sind.
Das ganze jährliche Schutzgeld in der Vogtei Schönau beträgt nur acht Gulden, weil der Nahrungsplatz schlecht sei. 1-002
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Die rechtliche Stellung der Juden im Herzogtum Nassau
Am 30. August 1806 erging das Patent über die Verschmelzung der Fürstentümer Nassau Weilburg unter Friedrich Wilhelm und Nassau Usingen unter Friedrich August zum Herzogtum Nassau. Bereits Im November 1806 erfolgte die Regulierung des Judengeldes mit Veränderung zu einer Personalsteuer. Sie geschah in der Absicht die Zahl der Juden zu verringern und armen Juden die Festsetzung im Herzogtum unmöglich zu machen. Von jetzt an mussten die Juden ein bestimmtes Vermögen nachweisen, wenn sie in den herzoglichen Schutz aufgenommen werden wollten. Ein in Nassau geborener Jude musste 500 Gulden, eine Jüdin 300 Gulden besitzen. Für ausländische Juden erhöhten sich die Sätze auf 1500 und 1000 Gulden. Als Aufnahmegebühr hatte jede/r inländische Jude oder Jüdin 37,5 Gulden zu entrichten. Ausländische zahlten das Doppelte. Außerdem musste jeder Jude 4 Gulden an die Wiesbadener Kriminalkasse abliefern. 1-001
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Nach den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Herrschaft und der Arrondierung des Herzogtums durch den Wiener Kongress 1815, wurde der Ruf nach Angleichung des rechtlichen Status aller Bürger groß. Das Nassauisches Schuledikt vom 24. März 1817 §§ 41 und 51 bestimmte, dass alle Kinder, auch jüdische, vom 6. bis vollendeten 14. Lebensjahr die Elementarschule besuchen müssen. Die Religionsfreiheit, auch der jüdischen Kinder, musste gewährleistet werden. 1-001
Diese Reform war bitter nötig, denn viele Menschen, nicht nur jüdische, waren Analphabeten. Zu erkennen an Unterschriften, die in dieser Zeit oft noch mit 3 Kreuzen gemacht wurden.
Bild links: Unterschriftsbestätigung
des Schultheiß Diefenbach von
Rückershausen unter einer
Mitgiftbestätigung für eine nach
Welterod einheiratende Braut 1 – 002
Schriftübertragung: Rückershausen den 26ten Juni 1797 Diefenbach Schultheiß
Die drei Kreuze sind dem Jud Herz
sein eigenes Handzeigen.
Diefenbach Schultheiß
Herzog Wilhelm hob am 15. Mai 1819 die Zunftverfassung auf, worauf es Juden erlaubt war Handwerksbetriebe oder Ackerbau zu betreiben 1 – 003. Die wirtschaftliche Situation der Welteroder Juden begann sich daraufhin zu verbessern. Sie erwarben im kleinen Maße Grundbesitz zur Selbstversorgung und dazu weitere Immobilien. Ein Beispiel ist das Testament des verstorbenen Juden Moses Süsmann vom 20.August 1838. Zu vererben gab es: 1-005
Ein zweistöckiges Wohnhaus an Heinrich Michel und Philipp Wiesenborn .
Ab 1844 Tiefenthal, heute Rödeler Weg 10 „Fensterseifer“.
Dazu Feldgüter:
Ein Acker in den Bickelsgärten an Philipp Nefferdorf und Philipp Wiesenborn
Ein Acker in den Bickelsgärten an Heinrich Michel und Moses Süsmann
Ein Acker auf der Straße an Philipp Heinrich Nefferdorf und Andreas Kern
Gielt (Gült) 1 Sester Korn der herzoglichen Donation.
Nachdem im Jahr 1839 Herzog Adolf an die Regierung kam, erließ er am 31. Oktober 1840 das Gesetz über die Judenemanzipation. In der Armenpflege und der Steuerpflicht wurden die Juden den christlichen Staatsbürgern gleichgestellt. Allerdings blieb der mit erheblichen Abgaben verbundene Judenschutz. 1-001 Obwohl danach auch jüdische Bürger ein Recht auf die örtliche Armenunterstützung hatten, tauchen in den Welteroder Gemeinde-Jahresrechnungen nach dieser Zeit unter dem Titel „Armenpflege“ kaum jüdische Namen auf.
Im Generalreskript vom 03. August 1842 wird der jüdische Religionsunterricht geregelt. Die jüdische Religionsschule wurde offiziell geschaffen. Jeder Schüler erhielt 8-9 Stunden Religionsunterricht in der Woche. 1-001 Der Unterricht in der Religionslehre und Moral musste in deutscher Sprache erfolgen.
Am 08. September 1844 folgte das Konskriptionsgesetz (Wehrdienstgesetz), wodurch alle Untertanen, auch Juden, der Wehrpflicht unterworfen wurden. Die gemeinsame erlebte Dienstzeit in den Kasernen, aber auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen förderte das patriotische Wir-Gefühl von Christen und Juden, das bis zum Ende des 1. Weltkrieges anhielt und zumindest bei den männlichen Juden die Integration gefördert hat.
Das Revolutionsjahr 1848 brachte mit dem Gemeindegesetz vom 12. Dezember 1848 weitere Verbesserungen. Durch Verkündigung des Staatsrechtes vom 28. Dezember 1849 wurden alle Staatsbürger offiziell gleichgestellt, obwohl es im täglichen Alltag immer noch Einschränkungen gab.
Erst am 26. September 1861 kam der Schlussstein der Judenemanzipation im Herzogtum. Alle älteren Diskriminierungen in Verordnungen, Gesetzen und der Prozessordnung wurden aufgehoben. 1-001
Am 08. Oktober 1866 verleibte Preußen das Herzogtum Nassau in sein Staatsgebiet ein und es wurde ein Teil der neugeschaffenen Provinz Hessen-Nassau. 1-001 Die Gleichbehandlung aller Bürger vor dem Gesetz blieb dabei bis zum Jahr 1933 bestehen.
Die Personenstandsdaten der Jüdischen Bevölkerung
Während seit dem 16. Jahrhundert die Geistlichen personelle Daten der christlichen Bevölkerung in den entsprechenden Kirchenbüchern erfassten, gab es solche generellen Aufzeichnungen für die jüdischen Menschen nicht. Juden hatten statt der Geburts- und Totenregister eine Schnur, woran sie nach dem mosaischen Gesetz die Geburt durch denselben nur alleine erkennbare Zeichen zu bemerken pflegten. 1-005 Die Nachnamen, falls überhaupt welche verwendet wurden, wechselten nach jeder männlichen Generationsfolge und orientierten sich oft am Vornamen des Vaters, häufig auch an der Bezeichnung des Wohnortes beziehungsweise Gegend, aus der die Familie stammte.
Hatte man im revolutionären Frankreich die Registrierung des Personenstandes bereit 1792 von der Kirche gelöst, dehnte man diese Regelung mit einem Dekret vom 17. Februar 1800 auf das gesamte annektierte linksrheinische Gebiet aus, Dazu musste Juden ständige Familiennamen annehmen. 1-006
Im Herzogtum Nassau blieb dagegen alles beim Alten. Erst mit dem Edikt vom 11. August 1817 verpflichtete man alle Geistlichen, die Registerführung über den Kreis ihrer Pfarrkinder hinaus zu machen. Somit gibt es neben den Kirchenbüchern seit 1817 auch ein Zivilstandsregister, allerdings mit der bei der jüdischen Bevölkerung üblichen Namensgebung, die eine Übersicht erschwerte. 1-006 Eine im Jahr 1840 erlassene Verordnung beendete diesen Zustand. Alle jüdischen Familien mussten für sich und ihre Nachkommen erbliche Nachnamen annehmen. Die Ämter hatten die Anweisung zu überwachen.1-006
Pfarrer Traegel von Welterod meldete am 2. Februar 1842 die erfolgten Namensänderungen der jüdischen Familien von Welterod und Lipporn an die Amtsverwaltung in St. Goarshausen. 1-007
Aus Welterod waren es:
Alter Name
1. Moses Süsmann
2. Loeb Aron
3. Isaak Abraham
Neuer Name
Moses Grünwald
Loeb Schönberg
Isaak Tiefenthal
Mit dem Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstandes vom 06. Februar 1875 hatten die Zivilstandsregister der Pfarreien ausgedient und gingen an die Standesämter über. 1-006 Danach wurden alle zivilen Personenstandsdaten, Geburten, Vermählungen und Sterbedaten von Welteroder Bürgern bei dem neu eingerichteten Standesamt in Strüth eingetragen.
Teil 2 Jüdische Familien und deren Wohnsitze in Welterod bis zur Deportation
In einem Bericht des Schultheißen Crecelius vom 23. August 1811 via herzogliches Amt Miehlen an die Hofkammer zu Weilburg über den staatsbürgerlichen Zustand der Juden in der Gemeinde ist folgendes zu lesen: 2 – 001
„Geburts- und Sterberegister werden nicht geführt, da im ganzen Amte kein Rabbiner ist. Die Ehen werden, nach Erlaubnis und nach erhaltenem Schutzbrief, geschlossen und von einem Rabbiner zu Nastätten durch Kopulation sanktioniert. Die Ernährungsgrundlage bildet der Handel mit Vieh und das koschere Schlachten.“
Es werden 3 Welteroder Familien aufgelistet:
1. Jud Moses Süsmann 38 Jahre und dessen Frau Jüdgen 35 Jahre mit 3 Kindern. Schutzaufnahme 18. April 1797, leben vom Viehhandel und Schlachten, Vermögen 65 fl, Schutzgeld 8 fl jährlich zu zahlen.
2. Jud Löw Aron 32 Jahre und dessen Frau Hedwig 28 Jahre mit 3 Kindern. Schutzaufnahme 11.Mai 1805, leben vom Handel und Schlachten, Vermögen 40 fl Schutzgeld 8 fl jährlich zu zahlen.
3. Jüd Süsmann senior +. Dessen zweite Witwe 64 Jahre und deren Töchter Breinel 23 Jahre und Jüdgen 20 Jahre, sie leben von Almosen, das Schutzgeld wurde per Dekret von Weilburg am 01. Juni 1802 erlassen.
Genehmigungsurkunde (Schutz und Heirat) der Hofkammer Weilburg für Juden Süsmann von Welterod und Frau Jüdgen im April 1797. HHSTAW 152 1008
Genehmigungsurkunde (Schutz und Heirat) der Hofkammer Weilburg für Löw Aron von Welterod 7. März 1805 HHSTAW 152 1010 25
Am Beginn der Aufzeichnungen im 18. Jahrhundert wohnten alle Familien in der damals so bezeichneten Ecke Kippel/Gibgasse, heute Rödeler Weg/Rathausstraße in zwei aneinander gebauten Häusern auf engstem Raum zusammen.2-002
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Ausschnitt Lageplan Ortsbereich Welterod von 1874
In dem Plan ist das Doppelhaus noch eingezeichnet. 1873 erfolgte ein Teilverkauf an Adam Haupt (heute Mühlbachstraße 3). Im Jahr 1877 erwarb Friedrich Köhler von Adam Haupt und Hermann Schönberg das gesamte Grundstück und baute im Jahr 1878 darauf eine Scheune. 2 – 002
Stammdaten der jüdischen Familien in Welterod
Bei den ersten Generationen sind nur die im Ort gebliebenen Familienmitglieder aufgeführt
Das Ehepaar Stein wohnte zur Miete in verschiedenen Welteroder Häusern. Zeitweise in Nr. 56 zuletzt in Nr. 76 (Gemeindehaus). Es waren sehr arme Leute. Sie handelten im kleinen Umfang mit Schlachtvieh, Tierhäuten und verkauften Hefe.
Der Großvater von Albert und Moritz Schönberg, Aron Schönberg, kaufte im Jahr 1851 das Haus Nr. 62 mit Stall und Scheune von Jakob Carl. Aron und später sein Sohn Hermann handelten mit Großvieh und betrieben eine koschere Metzgerei. Nach dem Tod des Vaters Hermann Schönberg, war ab 1916 der Sohn Albert *17. Januar 1885 Eigentümer 2 – 004.
Nach seiner Heirat im Jahr 1921 verzog Albert Schönberg und das Haus ging daraufhin an Moritz Schönberg. Erbauszahlungen an seine zahlreichen Geschwister und der Umsatzrückgang des elterlichen Geschäftes brachten Moritz in finanzielle Schwierigkeiten. Im Jahr 1930 kaufte der Nachbar Philipp Hilge das Anwesen. 2 – 005 Moritz zog mit seiner Frau Emma darauf als Mieter in das Haus Nr. 56 (Andrese Haus). Wie sein Schwager Hermann betrieb er weiterhin einen Handel, allerdings ausschließlich, mit Schlachtvieh und Tierhäuten.
Moritz Schönberg ca. 1930 2 – 008 Emma Schönberg ca. 1938
Bis zum Jahr 1889 hatten Liebmann und Mina Schönberg, sowie deren Tochter Eva Einsitzrecht im Haus Nr. 45 bei Salomon Grünewald. 2 – 007
Im Jahr 1890 kaufte Eva Landau geb. Schönberg ihr bewohntes Haus und errichtete einen sogenannten Universalwarenladen, der alle zum Haushalt benötigten Waren anbot. 2 – 009 Eva soll sehr beliebt gewesen sein. Der Vater des Verfassers erzählte im Alter immer noch begeistert von den Einkäufen, die er als jugendlicher „beim Evchen“ machen durfte. 1926 gab Eva Landau aus Altersgründen den Laden auf und verkaufte Gebäude und Garten an Wagnermeister Eduard Kröck, der in dem Verkaufsraum eine Wagnerwerkstatt einrichtete. Eva wohnte fortan bei der Familie Albert Daniel Nr. 48 in der Gibgasse und wanderte mit ihnen 1936 nach Israel aus.
Das Haus Nr. 75 auf dem Kippel Teil 2
Wagnermeister Eduard Kröck baute und reparierte in seiner Werkstatt bis 1957 alle in der Landwirtschaft benötigten Wagen und aus Holz gefertigten Geräte. Er galt als Original und hatte besonders für die Probleme von Kindern immer Zeit. War im Winter der Schlitten oder im Sommer der Roller defekt, ging man „zum Eduard“ und bekam geholfen. Der Wohnbereich des Hauses blieb bis zuletzt erhalten. Er wurde als Schlafplatz für Eduards Lehrlinge genutzt. Es übernachteten auch durchziehende Handwerksburschen, sowie der „Attenhäuser Philipp“ regelmäßig in den Räumen. Nach der Heirat seiner Tochter Paula zog Eduard 1957 sogar selbst in die Wohnung, in der er am 24. Februar 1958 starb.
An dieser mittlerweile überbauten Stelle befand sich Evas Laden und später Eduards Werkstatt.
Wagnermeister Eduard Kröck
* 01.06.1890
+ 24.02.1958
Ein Sohn der Familie mit Namen Berthold soll mit 12 Jahren gestorben sein. Geburts- und Sterbedatum sind nicht bekannt. 2 – 010
Abraham Schönberg kaufte 1865 das im Jahr 1860 von Förster Hubert Menges (+ 12.10.1865) erbaute Wohnhaus am damaligen unteren Ende des Dorfes in der Steinkaut (Heute Rheingaustraße 2). 2 – 011 Im Laufe der Jahre kamen Stall, Scheune und Anbauten dazu. Er betätigte sich als Viehhändler, Metzger und Landwirt. Im Jahr 1894 übernahmen David Schönberg mit seiner Frau Henriette die Anlage. 2 – 012 Bei David wird als Beruf Viehhändler und Landwirt angegeben. Ihr Hausname war „Afroms“, was möglicherweise auf den Ahnen Aron zurückzuführen ist. Außerdem war die Familie für ihren guten Handkäse bekannt, den sie herstellten und verkauften.
Einen Schicksalsschlag traf die Familie, als am 23. Mai 1933 David Schönberg bei der Feldarbeit plötzlich verstarb. Seine Beerdigung fand unter großer Beteiligung aller jüdischen Familien der Umgebung statt. Es war die letzte Bestattung eines Welteroder Bürgers nach mosaischem Ritus auf dem Friedhof bei Reitzenhain.
Davids Witwe Henriette und ihre im Haus lebende Tochter Hedwig mussten den Landwirtschafts- und Handelsbetrieb aufgeben. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit Näharbeiten, was ihnen durch die aufkommende antisemitische Stimmung nach 1933 immer mehr erschwert wurde.
Bild links: Der Grabstein von David Schönberg auf dem jüdischen Friedhof im Wald bei Reitzenhain.
Die Familien Herz Grünewald und Liebmann Schönberg erweiterten im Jahr 1853 ihren Wohnbereich in der Gibgasse durch Kauf des Wohnhauses Nr. 45 (Heute Rathausstraße 11) von der Witwe Wilhelmine Back. 2 – 013 Deren Sohn Salomon Grüne-wald übernahm 1886 das Haus. Ab 1911 sind als Besitzer Tochter Selma und der Schwiegersohn Salomon Leopold mit seiner Frau Ida eingetragen.
Salomon (genannt Salmon) war ein überregional bekannter Viehhändler. Der Vater des Verfassers half ihm mehrmals im Jahr Rinder in die Rheingauer Höhengemeinden -Pressberg und Stephanshausen- zu führen. Während Karl Köhler die Herde vorne anführte, ging Salmon am Schluss und führte ununterbrochen mit sich selbst Verkaufsgespräche in jiddischer Sprache, wobei das Batschen (in seine eigenen Hände) nicht vergessen wurde.
Zum tragischen Schicksal der Familie Leopold:
Zu spät, wahrscheinlich erst nach den Kristallnacht-Pogromen 1938, stellten Ida und Leopold Salomon einen Auswanderungsantrag. Ein Edmund Grünewald, wohnhaft in Frankfurt und vermutlich ein enger Verwandter von Ida Leopold, teilte der Devisenstelle am 22. April 1940 den Umzug von Salomon und Ida Leopold nach Frankfurt in die Fischerfeldstr. 8 bei Löwenthal mit. Sie blieben aber nur kurz dort wohnen. Schon am 11. Juni 1940 meldete erneut Edmund Grünewald den nächsten Umzug der beiden in die Rossdorferstr. 23/1 Hinterhaus. Ihr Anwesen und die landwirtschaftlichen Grundstücke verkauften sie am 06. 06.1940 unter Wert an die nassauische Siedlungsgesellschaft. Im November 1941 mussten sich Salomon und Ida Leopold, wie weitere fast 1000 Jüdinnen und Juden, drei Tage vor der für den 22. November anberaumten Deportation in der Frankfurter Großmarkthalle einfinden. Am 25.11.1941 wurden beide in Litauischen Kowno (Kauen) ermordet. 2 – 014
Kinder von Selma und Albert:
Tochter Gerda * 18.09.1929
Sohn Gustav *30.05.1925 + 30.05.1925 Sohn Salli Norbert * 30.05.1925 + 25.08.1925
Albert Daniel war gelernter Schuhmacher, übte diesen Beruf in Welterod aber nicht mehr aus. Er war sehr sprachbegabt, konnte hebräisch sowie englisch und war Vorbeter bei religiösen Zusammenkünften. Außerdem hatte seine klare Bassstimme im Welteroder Gesangverein einen guten Ruf. Nach der Heirat mit Selma Grünewald kauften beide das Haus Nr. 48 (Heute Gartenstraße 8) von den Erben der verstorbenen Witwe des Karl Kern. Sie betrieben einen erfolgreichen Viehhandel und eine Landwirtschaft.
Am 30. Mai 1925 kamen zwei Jungen als Zwillinge auf die Welt. Während Gustav die Geburt nicht überlebte, starb Norbert drei Monate später in einem Koblenzer Krankenhaus. Die Familie wanderte 1936 zusammen mit Eva Landau nach Israel aus.
Bild links:
Das Grab von Norbert Daniel auf dem jüdischen Friedhof im Wald bei Reizenhain.
Mit der Ausreise nach Palästina im Jahr 1936, retteten die Familienangehörigen ihr Leben.
Rechtes Bild: Lage des Wohnhauses der Familie Tiefenthal mit der ehemaligen Hausnummer 71 (heute Rödeler Weg 10 Fensterseifer).
Das Gebäude wurde im Jahr 1827 von Süsmann Moses errichtet. 2 – 002 Ab 1841 sind Isaak Tiefenthal, nach dessen Tod seine Witwe und ab 1880 Abraham Tiefenthal als Besitzer eingetragen. In 1892 erwarben es Wilhelm Holl und seine Frau Elise.
Die Händlerfamilie Tiefenthal besaß neben Wohnhaus und Scheune auch Feld und Gartengrundstücke, mit denen sie ein gutes Auskommen hatten. Als der Familienvater Abraham Ende der 1880er Jahre erkrankte und zeitweise in die Anstalt Eichberg überwiesen wurde, verarmten die Angehörigen. Sie betrieben zunächst noch einen Lumpenhandel. Tochter Henriette ging als Verkäuferin nach Frankfurt. Der Sohn Julius wurde Metzger in der Metzgerei Hirsch in Mainz. Das Haus musste verkauft werden und Karoline zog mit ihrem Sohn Theodor nach Wiesbaden, wo dieser eine Gärtnerlehre begann. Wegen Epileptischer Anfälle, die ab 1904 häufiger auftraten, überwies man ihn 1904 in die Anstalt Eichberg, in der er im Juni 1914 starb. Über das Schicksal seiner Geschwister ist nichts weiter bekannt.
Die Handschriftprobe des 17-jährigen Theodor Tiefenthal zeigt einen begabten jungen Menschen, der wegen einer damals nicht behandelbaren psychischen Erkrankung sein unerfülltes Leben früh beenden musste. 2 – 015.
Teil 3 Vom Bürger mit gleichen Rechten bis zu Rechtlosen und Verfolgten
Der Haupternährungszweig der jüdischen Familien in Welterod war, auch nach den nassauischen und später preußischen Emanzi-pationsgesetzen, der Handel mit Rindvieh. 3 Familien, zuletzt Salomon Leopold, Albert Daniel und David Schönberg hatten ihre abgesprochenen Tätigkeitsbezirke. Daneben bewirtschafteten alle einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb zur Selbstversorgung und Fütterung des Handelsviehs.
Das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerung war problemlos und oft durch Freundschaften verbunden. Mischehen zwischen Christen und Juden sind in unserer Gegend allerdings nicht nachweisbar, wobei sie auch zwischen evangelischen und katholischen Christen sehr selten waren.
Synagogen gab es in Zorn, Nastätten, Ruppertshofen, Holzhausen/Haide und Miehlen. Besondere religiöse Handlungen, wie Hochzeiten, wurden lange durch die Bezirksrabbiner aus Langenschwalbach (heute Bad-Schwalbach) Dr. Samuel Wormser oder Dr. Hofstädter aus Bad-Ems durchgeführt. 3 – 005
Welterod gehörte zur Synagogengemeinschaft Zorn. Gottesdienste und der Religionsunterricht fanden in dem Gebäude an der Wegegabelung mitten im Dorf statt. Im Jahr 1931 erfolgte die Auflösung der Zorner Gemeinschaft und man schloss sich Nastätten an. 3 – 015
Bild oben: Platz der erstmals 1856 erwähnten Synagoge in Zorn
Bild oben: Die Nastätter Synagoge an der Ecke Rheinstraße/Brühlstraße nach deren Fertigstellung 1904 3 – 010
Bild rechts: Die aus dem Jahr 1865 stammende Nastätter Thorarolle, war nach den Verwüstungen 1938 verschollen, wurde 2015 in einem Versteck wiederentdeckt und restauriert. Sie befindet sich heute im Museum „Leben und Arbeiten“. 3 – 020
Verstorbene Juden fanden bis in die 1930er Jahre ihre letzte Ruhe auf einem eigenen Friedhof. Die Friedhöfe sind bis heute ein sichtbares Zeichen jüdischer Kultur. Ein Grab wird nie aufgelöst und verschmilzt im Laufe der Zeit mit der Natur. Die Natur bleibt weitgehend unberührt. Kleine Steine auf den Grabsteinen sind ein Zeichen für einen ehrenden Besuch.
Bild links und unten: Der jüdische Friedhof im Hausecker Wald zwischen Bornich und Reizenhain Belegzeit 1690 – 1934. 3 – 022
Auch zahlreiche jüdische Menschen aus Welterod wurden, nach ihrem eigenen Ritual, in einem einfachen, rau gezimmerten Holzsarg, ohne Metallbeschläge, hier beerdigt. 3 – 023
Die Zeit des Terrors und der Verfolgung
Die in der 2. Hälfte der 1920er Jahre immer aggressiver auftretende NSDAP führte am 6. März 1927 zur „Schlacht von Nastätten“: Eine von Nastätter jüdischen Kaufleuten und Landwirten geplante Aufklärungsveranstaltung unter dem Titel „Das wahre Gesicht des Nationalsozialismus“ rief SA-Trupps aus Mainz, Wiesbaden und Frankfurt auf den Plan. Sie kamen mit Totschlägern, Stahldrahtspiralen und Gummiknüppeln bewaffnet auf LKW nach Nastätten gefahren, um die Veranstaltung zu verhindern. Bei dem Handgemenge zwischen SA-Männern, Versammlungsteilnehmern und Polizei gab es einen Toten und mehrere Schwerverletzte, wodurch das wahre Gesicht des Nationalsozialismus eindeutig erkennbar wurde. 3 – 025
Bei den Reichstagswahlen 1928, die für die NSDAP im Reich, mit 2,6 % der Stimmen enttäuschend ausging, wurde sie in Nastätten und 3 weiteren Landgemeinden des Kreises St. Goarshausen stärkste Partei. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 und der Verelendung großer Bevölkerungskreise ging die Radikalisierung weiter. Als Schuldige wurden sofort die politischen Gegner und die jüdische Bevölkerungsminderheit gefunden. Bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 wird die NSDAP mit 37,3 % der Stimmen die stärkste Partei, hat aber noch das Ziel der absoluten Mehrheit verfehlt. Im Kreis St. Goarshausen erreicht sie bereits 49% der Stimmen. Am 30. Januar 1933 ist es soweit, Reichspräsident Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler. Am 1. April 1933 wird von Berlin aus der sogenannte Judenboykott angeordnet, der deutlich machte, dass Juden künftig in Deutschland unerwünscht sind. 3 – 025
Der erste Welteroder jüdische Bürger, der das neue Regime am eigenen Leib kennen lernte, war Moritz Schönberg. Er wurde, nach einer kritischen Anmerkung über Hitler, angeschwärzt und einen Tag später, am 22. Juni 1935 vom Nastätter berittenen Gendarmen Ackermann abgeholt. Man sah Moritz noch, wie er neben dem Pferd herlaufen musste und er war daraufhin für 18 Jahre verschollen. 3 – 030
Am 15. September 1935 erließ Hitler die sogenannten Nürnberger Gesetze. Mit ihrem Inkrafttreten war die rechtliche Grundlage für die Verfolgung der Juden in Deutschland geschaffen. 3 – 035 Informierte örtliche NSDAP-Parteigenossen warnten daraufhin Albert Daniels Familie, die daraufhin ihr gesamtes Hab und Gut verkauften und zusammen mit Eva Landau nach Palästina auswanderten.
Das Gesetz vom 28. März 1938 beraubte die jüdischen Gemeinden in Deutschland ihres öffentlich-rechtlichen Charakters und ließ sie vorderhand nur als private Organisationen existieren. Am 17. August1938 folgte das Gesetz zu Änderung jüdischer Vornamen. Alle Frauen mussten zusätzlich den Namen Sarah, alle Männer den Namen Israel annehmen. Der 9. und 10. November brachte die Zerstörung der Synagogen, die Fortführung jüdischer Männer in Konzentrationslager und die Vernichtung jüdischen Lebens und Eigentums. Damit war das Ziel gezeigt, das die NS-Regierung sich gesteckt hatte: die völlige Vernichtung der Juden in Deutschland. 3 – 040
Auch in alle Häuser von Welteroder jüdischen Menschen wurde von SA-Horden brutal eingebrochen und die Bewohner nach Nastätten verschleppt. Nachdem man sie eine ganze Nacht gedemütigt und misshandelt hatte, mussten sie, zum Teil ohne Schuhe mit blutigen Füßen, nach Hause laufen.
1940 erfolgte die Kappung aller Telefonanschlüsse, das Verbot Rundfunkempfänger zu besitzen und 1941 schließlich die Verpflichtung den Judenstern zu tragen.
In der verlassenen Bergarbeitersiedlung „Tagschacht“ bei Lahnstein Friedrichssegen wurde ein Lager eingerichtet, in das man ab Juli 1941 zwangsweise jüdische Bürger einwies. Unter ganz schlechten Lebensbedingungen mussten sie im Klinkerwerk Tonziegel herstellen. 3 – 045
Bild oben: Das Lager Tagschacht in Bergbauzeiten bis 1913
Bilder links: Die bekannten Opfer werden auf Stelen in Friedrichssegen in Ehren gehalten.
Die offiziellen Deportationen der Juden aus dem Gebiet des deutschen Reiches begannen Mitte Oktober 1941. Organisiert wurden sie vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Für das Gebiet des Regierungsbezirkes Wiesbaden war die Gestapo in Frankfurt zuständig, die auch eine Außenstelle in Wiesbaden betrieb. Im Oktober/November 1941 hatte das Reichssicherheitshauptamt der Frankfurter Gestapostelle drei Deportationszüge für je eintausend Menschen zugewiesen. Die Ziele waren Lodz im besetzten Polen, Minsk in Weißrussland und Kaunas in Litauen. Danach wurden die Transporte unterbrochen. Bei einem dieser Transporte, am 22. November 1941, waren Salomon und Ida Leopold dabei. Ihre Sterbedaten sind 25. November 1941 in Kowno Litauen.
Nach der Wannseekonferenz gab es Ende Januar 1942 von Eichmann im RSHA neue Richtlinien für die ab Frühjahr 1942 geplanten Deportationen. Am 6. Februar 1942 wurden alle Landräte angewiesen bis spätesten 8. Februar abends Zahlen der Juden in verschiedenen Kategorien anzugeben. Die Deportation am 10. Juni 1942 – es waren 25 Personen aus dem Lager Tagschacht dabei – kamen in das Sammellager in der Großmarkthalle im Frankfurter Ostend. Das Fahrtziel sollte Izbica im besetzten Polen sein. Als der Transport aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden in Izbica ankam, war das Ghetto absolut überfüllt; daher kann man davon ausgehen, dass Frauen mit Kindern vermutlich relativ schnell nach Sobibor in das Vernichtungslager kamen. Es gab keinen einzigen Überlebenden des Transportes. Bei diesem Transport waren Henriette, Hedwig und Emma Schönberg dabei; Sterbedaten: 11. Juni 1942 Sobibor. Die Finanzämter verwerteten den Besitz der Deportierten und ließen den Hausrat öffentlich versteigern. 3 – 045
Zeitzeugin Erna Breier geb. Zorn wohnte und arbeitete 1942 in Wiesbaden. Sie sah eines Tages, wie Heinrich und Lina Stein von zwei Polizisten zur Gestapo-Zentrale geführt wurden. Aus Angst ging sie ohne zu Grüßen an ihnen vorbei. Es war die letzte Begegnung zwischen ehemals Welteroder jüdischen Nachbarn, Bekannten und sogar Freunden. Sterbedatum Heinrich und Lina Stein: 1942 im Osten. 3 – 050
Aus mehr als vierzig Städten und Gemeinden des Regierungsbezirkes Wiesbaden wurden in den Jahren 1941-1945 jüdische Bürger verschleppt und ermordet. Auf diese Weise ist ein jahrhundertealter Bestandteil des Landes – das jüdische Leben – ausgelöscht worden. Übrig blieb eine Landschaft ohne jüdische Menschen, zerstörte Synagogen und verwitterte Steine auf alten Friedhöfen.
Bild oben: Die Synagoge in Holzhausen 1966 kurz vor dem Abriss. 3 – 055
Teil 4 Schicksale der bekannten Überlebenden
Als im Jahr 1936 Albert und Gerda Daniel ihre Gebäude samt Mobiliar und das Ackerland an August Göller verkauften, um zusammen mit Tochter Gerda und Tante Evchen nach Palästina auszuwandern, waren ihnen die kommenden Probleme sicher nicht bewusst. Sie kamen in ein Land mit einem ungewohnten Klima, ungewohnten Krankheiten und arabischen Nachbarn, die zum Teil den Neuankömmlingen sehr feindlich gegenüberstanden. Nächtliche Überfälle auf die jüdischen Siedlungen erforderten ständige Wachsamkeit. Als am 21. Juni 1942 Rommels Afrika Korps die Festung Tobruk in Libyen durchbrach und die Möglichkeit des Weitermarsches über Ägypten, den Sinai nach Palästina bestand, kam eine neue Lebensangst dazu. Erst mit der Gründung des Staates Israel 1948 entwickelte sich, trotz aller weiteren Probleme, eine Beruhigung bei den eingewanderten Familien. 4 – 005
Gerda heiratete den aus Hamburg stammenden Günter Granit. Sie zogen in einen offenes Kibbuz nahe Tel Aviv. In dieser Siedlung betrieb die Familie eine Hühnerfarm. 1984 machten, nach langer Überwindung, Günter und Gerda eine Deutschlandreise. Vom 1. bis 9. Juli 1984 wohnten sie in Welterod bei Karl und Luise Köhler. Dabei kam es zu herzlichen Besuchen bei echten alten Freunden. Begegnungen mit oft heuchlerisch, freundlich auftretenden ehemaligen Peinigern ließen sie ohne Kommentar über sich ergehen.
Während einer Israel-Rundreise vom 16. bis 26. März 1985 besuchten Karl, Bärbel und Bernd Köhler die Familie. Günter war kurz vorher gestorben und der Sohn Jona hatte den elterlichen Betrieb übernommen.
Ein weiterer Welteroder jüdischer Bürger, der den Holocaust auf unglaubliche Weise überlebte, war Moritz Schönberg. Nach seiner Verhaftung am 22. Juni 1935 und einer Leidenszeit, zunächst im Gestapo-Gefängnis Frankfurt und danach in den Konzentrationslagern Esterwege-Papenburg, Sachsenhausen-Oranienburg, Dachau und ab 1938 Buchenwalde, bekam er am 8. März 1940 eine Auswanderungsgenehmigung und gelangte in das rund 11.000 Km entfernte Shanghai. 4 – 017 Da immer mehr demokratische Staaten Einreiseverbote für Emigranten aus Nazi-Deutschland verhängt hatten, war die multinationale Stadt eine der wenigen Möglichkeiten, der weiteren Verfolgung zu entgehen.
Die jüdischen Hilfsvereine in den einzelnen Orten proklamierten schon ab 1936 zunehmend Shanghai als Ausreiseziel, boten Informationen an und halfen bei den Vorbereitungen. Die Menschen standen Schlange an den Verkaufsstellen für Tickets nach Shanghai. Nicht wenige verkauften alles, was sie besaßen, um eine Überfahrt nach Shanghai zu erwerben. Von den jüdischen Flüchtlingen bevorzugt waren die italienischen Schifffahrtslinien von Triest oder Genua wegen der kürzeren Seereisezeit von 3 bis 4 Wochen. Weitere Ausgangshäfen waren Danzig, Hamburg, Bremen, Rotterdam, Antwerpen. 4 – 015 Nach eigenen Angaben hat Moritz, der absolut mittellos war, seine Ausreise durch die Hilfe einer internationalen jüdischen Organisation bekommen. 4 – 017 Er soll auf dem Auswanderschiff als Kohlentrimmer gearbeitet und dadurch, dass lebensrettende Ziel Shanghai erreicht haben.
Einer der sehr teueren Fahrscheine um von Genua nach Shanghai zu gelangen. Dazu kam noch die Bahnfahrt zum Ausgangshafen.
Die Ankömmlinge wurden ausnahmslos in der englisch/amerikanischen Verwaltungszone, dem „International Settlement“, untergebracht. Während gut ausgebildete Einwanderer schnell eigene Betriebe, Arztpraxen und Kanzleien aufmachen könnten, landeten die meisten Menschen in Flüchtlingsheimen der Hilfsorganisationen. Man brachte sie in großen Schlafsälen unter, teilweise nach Männern und Frauen getrennt, teilweise nach Familieneinheiten. Darüber hinaus richtete man Küchen ein, in denen täglich warme Mahlzeiten gekocht wurden. 4 – 015
Arbeitsmöglichkeiten gab es für die Mehrzahl der Einwanderer nur im niedrigsten Lohnsegment. So soll Moritz sich als Kuli mit Transportarbeiten ein bescheidenes Auskommen verdient haben
Bild links : Spaziergang durch die Altstadt von Shanghai im Jahr 2019. 4 – 020
In einer dieser Gassen hat Moritz in der Zeit seiner Emigration gelebt und gearbeitet.
Nach Kriegsende, während des tobenden chinesischen Bürgerkrieges, bemühte sich ab 1948 die IRO (International Refugee Organisation), jüdische Flüchtlinge aus Shanghai zu evakuieren. Insgesamt konnten über 50% in den USA einen Neuanfang beginnen. Andere Länder waren in großem Abstand Israel und Australien. Ca 3.000 Personen kehrten nach Deutschland und Österreich zurück. 4 – 015
Moritz kam am 24. Julie 1952 wieder in seinem Heimatdorf Welterod an. Bis zum Kauf eines eigenen Hauses in der Ortsstraße Nr. 56a wohnte er als Mieter bei der Familie Back. In seinem alten Gewerbe, dem Handel mit Schlachtvieh sowie Tierhäuten und Tierhaaren, war der Heimkehrer wieder aktiv. 1961 heiratete Moritz Schönberg in 2. Ehe Elisabeth Elsemüller geboren am 30.09.1919 in Burgschwalbach.
Das Wohnhaus der Familie Schönberg (heute Mühlbachstraße 1) im Dez. 2019
Zeitungsausschnitt: Am 27. Januar 1978 gratuliert Ortsbürgermeister Koch dem anerkannten und beliebten Mitbürger Moritz Schönberg zum 90. Geburtstag.
Moritz Schönberg starb am 28. April 1980 und wurde auf eigenen Wunsch und dem Wunsch seiner Frau am 2. Mai 1980 vom evangelichen Pfarrer Moschüring auf dem Welteroder Friedhof beerdigt. 4 – 025
Schlussbemerkung des Verfassers
Die Erforschung jüdischen Lebens gestaltet sich besonders schwierig für die Zeit nach 1933. Viele Schicksale der Menschen, die in Welterod geboren wurden, konnten noch nicht aufgeklärt werden. Die meisten sind sicher dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer gefallen. Manchen ist die Flucht ins Ausland geglückt und ihre Nachkommen tragen weiterhin die Namen Schönberg, Grünewald oder Tiefenthal. Die Versuche deren Lebenswege aufzuklären und eventuell in Kontakt zu kommen wären eine wichtige, lohnenswerte Aufgabe.
Bernd Köhler im Januar 2022
Teil 5 Erklärungen und Quellenangaben:
Abkürzung für: HHSTAW = Hessisches Hauptstaatarchiv Wiesbaden:
Personendaten ab 1817 bis 1874 sind den Zivilstandsregistern des Kirchspiels Welterod –Ablichtungen beim Archiv der ev. Kirche von Hessen und Nassau in Darmstadt- entnommen.
Personendaten ab 1874 bis 1921 entstammen den Jahresbüchern des Standesamtbezirkes Strüth –Lagerort Verbandsgemeinde Nastätten-.
Sterbedaten der Ermordeten stammen aus My Heritage
Zeitzeugen die zu dem Thema in den 1980/90er Jahren Auskunft gaben waren: Karl Köhler, Richard Back, Karl Leitz, Erna Breier geb. Zorn, Marianne Spitzhorn, Gerda und Jona Granit.
Quellen Teil 1 Einleitung und Vorgeschichte
1 – 001 Nassauische Annalen Nr. 66 Die Juden in Nassau von Adolf Kober
1 – 002 HHSTAW 151 1009 Schutzjudenangelegenheiten Welterod 1776 bis 1805
1 – 003 Nassauische Annalen Nr. 37 Die Nassauische Steuerreform 1806 bis 1814
1 – 004 HHSTAW 152 1008 Gesuche des Juden Moses Süsmann von Welterod 1797 und 1803
1 – 005 HHSTAW 240 879 Nachlass des Schutzjuden Süßmann Moses zu Welterod
1 – 006 Nassauische Annalen Nr. 58 Die Personenstandsregisterführung im Nassauischen vor 1875
1 – 007 Kirchenarchiv des Kirchspieles Welterod Ablage 14
Quellen Teil 2 Jüdische Familien und deren Wohnsitze in Welterod bis zur Deportation.
2 – 001 HHSTAW 240 880 Anzahl und staatsbürgerlicher Zustand der Juden im Kirchspiel Welterod 1811
2 – 002 HHSTAW 240 388 Gebäude-Steuerkataster Welterod von 1822
2 – 003 Google Maps Aufnahme 2021
2 – 004 Gemeindearchiv Welterod Stockbuch Nr. 7 Seiten 270, 271, 282
2 – 005 Gemeindearchiv Welterod Brandkataster Eintrag 20.01.1930
2 – 006 Gemeindearchiv Welterod Stockbuch 4 neu Artikel 215
2 – 007 Gemeindearchiv Welterod Stockbuch Nr. 1 neu Artikel 39
2 – 008 Quelle: Bildausschnitt Theo Leitz in seiner Internetpräsentation
2 – 009 Gemeindearchiv Welterod Stockbuch Nr. 4 neu Artikel 270
2 – 010 Aussage von Zeitzeuge Karl Köhler
2 – 011 HHSTAW 433 947 Gebäude-Steuerrolle Welterod 1868
2 – 012 Gemeindearchiv Welterod Stockbuch Nr. 4 neu Artikel 281
2 – 013 Gemeindearchiv Welterod Stockbuch alt 1 Artikel 31
2 – 014 Forschungsarbeiten Klaus Flick Wiesbaden https://moebus-flick.de/
3 – 015 HHSTAW 430/1 5677 Patientenakte des Theodor Tiefenthal aus Welterod 1904 – 1914
„Quellen Teil 3 Vom Bürger mit gleichen Rechten bis zu Rechtlosen und Verfolgten
3 – 005 Kirchenarchiv Darmstadt Zivilstandsregister des Kirchspieles Welterod 1817 – 1874
3 – 010 Chronik der Stadt Nastätten von 1993
3 – 015 Chronik der Ortsgemeinde Zorn
3 – 020 Heimatjahrbuch 2016 Bericht von Winfried Ott
3 – 022 Internet: Zentralarchiv-juden.de/sammlungen/friedhofsdokumentation/rheinland-pfalz/jued-friedhoefe-in-rheinland-pfalz
3 – 023 wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Friedhof_(Bornich)
Der Friedhof von Bornich war der gemeinsame Friedhof für die rechtsrheinischen jüdischen Gemeinden von Bornich, Bogel, Ruppertshofen, St. Goarshausen und Welterod sowie für die linksrheinischen Gemeinden St. Goar und Werlau.
3 – 025 Nassauische Annalen Nr. 94 Die nationalsozialistische Machtergreifung in Wiesbaden und Nassau.
3 – 030 Zeitzeugin Marianne Spitzhorn im Jahr 1990
3 – 035 Nassauische Annalen Nr. 126 Wiesbaden im 3. Reich
3 – 040 Nassauische Annalen Nr. 66 Die Juden in Nassau von Adolf Kober
3 – 045 Nassauische Annalen Nr. 114 Die gewaltsame Verschleppung der Juden aus den Dörfern und Kleinstädten des Regierungsbezirks Wiesbaden 1942 – 1945
3 – 050 Zeitzeugin Erna Breier im Jahr 1990
3 – 055 Internet: www.alemannia-judaica.de/holzhausen_haide_synagoge.htm
Quellen Teil 4 Schicksale der bekannten Überlebenden.
4 – 005 Zeitzeugin Gerda Granit im Jahr 1985
4 – 010 Fotoaufnahmen von Christl Lüdcke beim Besuch in ihrem Wohnzimmer
4 – 015 Die Emigration jüdischer Deutscher und Österreicher nach Shanghai als Verfolgte im Nationalsozialismus von Wibke Lohfeld und Steve Hochstadt. Der Aufsatz liegt dem Verfasser vor.
4 – 017 Gemeindearchiv Welterod: Schreiben an das Amt für Wiedergutmachung in Montabaur von Moritz Schöbberg vom 25. Juli 1952
4 – 020 Während einer Chinareise des Verfassers im Jahr 2019 aufgenommen.
4 – 025 Kirchenarchiv des Kirchspieles Welterod Ablage 14: Textblatt des Pfarrers Moschüring: „Beerdigung von Moritz Schönberg“











































