Der Schwinghäuser Weg

von | Besondere Orte

Gegenüber dem ehemaligen Schulhof mündet ein schmaler Weg in die Rathausstraße, der im Volksmund Schwinghäuser Weg genannt wird.

Aufnahme 06.09.2020

Sein fremd klingender Name geht auf ein Gewerbe zurück, das bei uns ausgestorben ist:
Der Anbau von Flachs und die Verarbeitung zu Leinen. Jahrhundertelang war es ein zusätzlicher Broterwerb für die ländliche Bevölkerung, bis Ende des 19. Jahrhunderts importierte, preiswerte, amerikanische Baumwolle den Bedarf und die Produktion reduzierte. Der Flachsanbau und die Gewinnung von Leinenfaden wurde von einzelnen Familien in geringer Form noch bis in die 1920er Jahre betrieben

Im Museum „Blaues Ländchen“ in Nastätten können in einer speziellen Ausstellung die Arbeitsschritte der Leinenherstellung besichtigt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geernteter Flachs im
Museum Nastätten.

 

 

Schwingstock und
Schwingmesser im
Museum Nastätten.

Der vorletzte Schritt bei der Leinenfaden-gewinnung war das sogenannte Schwingen. Dabei wurden die letzten auf dem Faden klebenden Holzreste mit dem hölzernen Schwingmesser entfernt.

Wenn die Arbeit im Feld ruhte, wurde diese Tätigkeit vorwiegend von Frauen ausgeführt. Es war eine gesellige, aber auch äußerst staubige Angelegenheit, für die man ein spezielles Gebäude auf Gemeindegrund errichtet hatte: Das Schwinghaus im Wiesgarten,

Lageplan von 1876 mit dem Platz auf dem das Schwinghaus stand,

Das Haus bot zum einen Schutz vor der Witterung und durch zu öffnende seitliche Klappläden konnte ein reinigender Luftzug erzeugt werden, der das Atmen erleichterte. Außerdem wurden dort alle für die Leinenherstellung benötigten Geräte gelagert.

Ab dem Jahr 1900 ging die Leinenproduktion stark zurück und das alte Schwinghaus wurde nicht mehr benötigt. Nach 2 Gemeinde-ratssitzungen kam es am 20. März 1904 zum Verkauf von Platz und Gebäude an Peter Back aus Welterod. (Siehe Gemeinderatsbeschlüsse)

Um die Lage des ehemaligen Schwinghausplatzes zu lokalisieren, sind folgende Lagepläne hilfreich.

Lageplan von 1966.

Die nach der Flurbereinigung in den Jahren 1958/59 zusammengelegten Parzellen bekamen neue Eigentümer. In diesem Fall hätte das Schwinghaus auf einem Teil des Flurstückes 124 gestanden.

Lageplan von 2020

In den 1970er Jahren entstand im Wiesgarten das neue Baugebiet mit Neuvermessungen der Grundstücke und Wegebau, wobei sich das Schwinghaus ungefähr auf der eingezeichneten Fläche befunden hätte.

Nichts deutet mehr darauf hin, dass an dieser Stelle einmal das Vorprodukt für Kleidung, Bettzeug und andere Textilien hergestellt wurde.                                                                             Aufnahme vom 06.09.2020

Anlagen: Gemeinderatsbeschlüsse zum Verkauf vom Grundstück des Schwinghauses.

Dem Gemeindeland worauf das Schwinghaus stand mit einem Flächengehalt von 2 Aar 20 Meter ist nach dem öffentlichen Ausgebot am 19. d. Monats von Peter Back dahier ein Höchstgebot mit 525 Mark eingelegt.                                                                                    Antrag und Beschluss vom 20.März 1904

Es ist deshalb heute zu beschließen ob die
Genehmigung hierzu erteilt werden soll.

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Die Gemeindevertretung beschloss einstimmig die Genehmigung zu dem Verkauf der Parzelle von 2 Aar 20 Meter mit einem Erlös von 525 M zu erteilen.

Peter Back, von Beruf Schuhmacher, * 07.10.1846 + 19.10.1923 war der Vater vom Heinrich Back, Opa vom Paul Back. (Metzgerei in Welterod).

Quellen:
Gemeindearchiv Welterod
Museum Blaues Ländchen Nastätten
Bericht und Bilder: Bernd Köhler im Jahr 2020