Ehemalige Gaststätten

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                      Ehemalige Gaststätten in Welterod

Eine Gaststätte, auch „Gasthaus“, „Gasthof“, „Wirtshaus“, „Gastwirtschaft“, „Wirtschaft“, „Kneipe“ oder „Schänke“, ist ein Betrieb im Gastgewerbe, in dem Getränke oder Speisen zum sofortigen Verzehr verkauft werden und die dafür eine Aufenthaltsmöglichkeit bietet. Darüber hinaus war ein solches Gasthaus ein Ort, an dem man sich traf um soziale Kontakte zu festigen, Informationen austauschte, Versammlungen abhielt und nicht zuletzt um die Plagen und Lasten des Alltags ein Stück vergessen zu machen.

Insofern genießt ein Gasthaus oder eine Kneipe einen oftmals unterschätzten, aber doch nicht unerheblich hohen Stellenwert im Sozialgefüge einer Gemeinde. Die Bürger eines Ortes oder Dorfes sollten daher ein großes Interesse am Erhalt einer solchen Begegnungsstätte haben und durch deren regen Besuch das „Überleben“ des Wirtes und dessen Ernährung sicherstellen.

Die Bürger der Gemeinde Welterod waren sowohl im 19. als auch bis fast zum Ende des 20. Jahrhundert in der Lage jeweils 2 Wirte parallel zu ernähren. So war der Schulchronik zu entnehmen, dass im Sommer des Jahres 1864 sämtliche Bewohner sich in einem Zuge von der Schule aus auf die nahe gelegene Anhöhe „Herberk“ (Am Steinbruch) begaben und dort von den zwei örtlichen Wirten Michel und Meister bewirtet wurden. Das Wirtshaus Michel befand sich zu der Zeit in der Hauptstraße (ehemals Wohnhaus Herbert Beilstein, Rheingaustraße). Der Landwirt und Gastwirt Johann-Jacob Meister stammte aus Bornich und heiratete 1855 die Witwe des am 13.11.1853 verstorbenen Peter Anton Kern in der Rheingaustraße. Diese Heirat war der Ursprung für das spätere Gasthaus „Zur Post“. Das Gasthaus wurde dann zunächst von Heinrich Peter Karl Kern fortgeführt und nach dessen Tod am 16.11.1957 an den Gastwirt, Landwirt und Posthalter Karl Kern übergeben. Der am 04.03.1905 geborene Karl Kern verstarb am 25.03.1974. Die Gastwirtschaft wurde am 26.03.1974 abgemeldet.

                                                Gasthof „Schützenhof“

Im Jahre 1882 wurde in der Schulgasse, heute Lipporner Straße die Gastwirtschaft „Schützenhof“ von Wilhelm Back I. errichtet. Das Gebäude war ursprünglich eine Mühle, die in Strüth stand, dort demontiert und in Welterod wieder aufgebaut wurde. Darüber hinaus wurde dem Gasthaus ein Saalbau angegliedert, der dazu geeignet war, auch  größere Veranstaltungen und Feste wie z.B. Kerbe etc. zu veranstalten und zu feiern.

Am 6.Mai 1926 übernahm Wilhelm Back III, Sohn von vorgenanntem W. Back I, mit seiner Frau Amalie die Gaststätte.

Ab 2. Januar 1956 wurde das Lokal dann an Irmgard und Alwin Maus verpachtet. Nach dem Tod von Irmgard Maus wurde die Gaststätte dann wieder von ihrer Mutter Amalie Back (Backs Malsche) bis Oktober 1975 weitergeführt.

Im Oktober 1975 übernahm ihr Enkel Hans Jürgen Maus das Gasthaus und führte es bis zum April 1982, wo es nach 100-jährigem Bestehen für immer geschlossen wurde.

   

Da es im Ort ja 2 Gasthäuser gab, favorisierten die Besucher und Gäste entsprechend ihren Bedürfnissen ihr jeweiliges Lokal. Die jüngeren Menschen besuchten vorwiegend das Gasthaus Schützenhof, gab es doch einen Saalbau, in dem Kinofilme zur Vorführung gebracht wurden, und abwechselnd die Kerb bis zur Inbetriebnahme des Bundeshauses im Jahre 1952 gefeiert wurde. Außerdem stand im Gastraume eine Music-Box und ein Spielautomat hing an der Wand. Zweimal im Jahr war das Modehaus Arz aus Ransel vor Ort und stellte die jeweilige Frühjahrs/Sommer- und Herbst/Winterkollektion vor. Auch die Main-Kraft-Werke (MKW) mieteten in frühen Jahren den Saalbau, um den Menschen im Ort „völlig uneigennützig“ die Vorzüge eines Elektroherdes näher zu bringen.

Regelmäßig wurde sich sonntags morgens zum Frühschoppen getroffen. Der begann in der Regel nach Ende des Gottesdienstes um 10.30 Uhr und endete um ca. 12.00 Uhr, da ja zu Hause die Ehefrau oder Mutter um diese Zeit den Sonntagsbraten fertig hatte. Fatal war dann nur, wenn der Frühschoppen bei interessanten Gesprächen oder Gesang so schön war, dass er nicht enden wollte. Dies führte daheim zu erheblichem Ärger, der u.a. darin gipfelte, dass Friedel Saueressig von seiner Frau Heidi das Mittagessen gegen 15.00 Uhr im Essekesselchen in die Kneipe gebracht wurde.

Der Jahreswechsel war ein fester Bestandteil im Wirtschaftsbetrieb eines Gasthauses. Man ging gewöhnlich in die Kneipe im Ort, die man auch sonst im Laufe eines Jahres am meisten aufsuchte.

Silvester 1966/67

         

vl.. Otto Steeg, Paul Dieter Berghäuser, Bernd Köhler             v.l. Gustav Back (Sohn von Amalie Back), Hans Jürgen Maus,

Christel Lüdcke (Schreibers Christel), Arnold Göller                Amalie Back, Manfred Schmidt, Heidi u. Friedel Saueressig

Aber auch in den Abendstunden kam es zu Ereignissen, die nicht alltäglich waren. So ging Karl Debus allabendlich an der Gaststätte vorbei um die Hühnereier aus dem Gelege zu holen. Auf dem Rückweg kam er dann des Öfteren ins Gasthaus um noch ein Piffchen Wein zu sich zu nehmen. Den Korb mit Eiern stellte er in dieser Zeit immer im Hausflur ab, was sich als Fehler herausstellte. Denn während er im Gastraum seinen Wein trank, und dazu auch noch von den Anwesenden einen weiteren halben Schoppen spendiert bekam, war Manfred Schmidt in der Küche zu Gange und blies die im Flur abgestellten Eier in eine Bratpfanne aus. Der Pfannkuchen wurde dann anschließend im Gastraum serviert und auch Karl Debus aß fleißig bei noch einem zusätzlichen Glas Wein mit. Was Karl Debus zu hören bekam, als er später mit seinem Korb mit ausgeblasenen Eiern zu Haus ankam, ist nicht bekannt.

Die Wirtschaft bei Backs Malsche war morgens ab 09.00 Uhr geöffnet. Zu dieser Zeit gab es noch eine Sperrstunde, die ab 01.00 Uhr nachts in Kraft trat. Doch wenn freitags so um 23.00 Uhr ein roter Porsche-Traktor mit angehängtem Pflug auf den Parkplatz fuhr, wusste man, dass es nur eine kurze Nachtruhe geben würde. Der Traktorfahrer war nämlich Walter Crecelius (Pepsi oder Bier-Walter) und die Nacht endete dann gewöhnlich nach viel Gesang in den frühen Morgenstunden.

Im Mai 1972 fand im Schützenhof die Gründungsversammlung des FSV Welterod statt. Es war deshalb auch nachvollziehbar, dass diese Kneipe zum Vereinslokal auserkoren wurde. Regelmäßig nach dem wöchentlichen Training und nach dem sonntäglichen Spiel fand eine Nachbesprechung, oft bis spät in die Nacht statt. Manches Spiel wurde so im Nachhinein noch gewonnen.

Der Gesangverein und die Freiwillige Feuerwehr gehörten zu den ständigen Gästen. Die Sangesbrüder nach ihren wöchentlichen Gesangsproben und die Freiwillige Feuerwehr jeweils im Anschluss an die vielen Wehrübungen.

Wie bereits vor erwähnt wurde im Jahre 1952 das Bundeshaus eingeweiht und nahm als Bürgerhaus ähnliche Einrichtung den Betrieb auf. Das heißt, die Kerb wurde fortan in diesem Haus gefeiert. Die beiden örtlichen Wirte wechselten sich jährlich bei der Ausrichtung und Bewirtung ab. In dieser Zeit gab es noch keinen Frühschoppen mit einer Blaskapelle, so dass der traditionelle Frühschoppen bis zum Umzug der Kerbejugend durch den Ort (ca. 15.00 Uhr), sich in die Gasthäuser verlagerte.

               

  1. hinten: Jürgen Hilche, Bruno Birkenstock, Walter                   vl. Heidi Saueressig, Friedel Saueressig, Karl

Crecelius, Bruno Wieber,                                                                Schwarz(Kette Karl), Manfred Schwärzel (Diethardt)

vorne: Gerhard Beilstein, Bernd Köhler, Hans Jürgen                 im Hintergrund Marie Luise Back (Cousine von ,

Winterott, Karlheinz Seliger                                                             Hans), Thomas Crecelius

Doch die Größe der Räumlichkeiten im Bundeshaus verlangten ihren Tribut, in dem immer mehr Servicepersonal vorgehalten werden musste. Dieser personelle Aufwand konnte von den beiden örtlichen Wirten nicht gestemmt werden, so dass vorübergehend die Familie Nies vom Hof Angschied in die Presche sprang und für einige Jahre die Bewirtung der Kerb übernahm. Im Jahre 1974 wurde diese dann vom Sportverein (FSV) als Veranstalter abgelöst.

Ende der 1970er Jahre nahm das Interesse an abendlichen Kneipenbesuchen merklich ab. Handwerker, die früher oftmals ihr Feierabendbier in der Kneipe tranken, taten dies jetzt zu Hause. Das hatte auch etwas mit einer entstandenen Bequemlichkeit zu tun. Wurde doch der Kasten Bier jeden Samstag vom benachbarten Bierverleger Walter Crecelius (Bier Walter) zusammen mit seinem Mitarbeiter Günter Kraus direkt vor die Tür gebracht. Das machte sich natürlich auch in der Kasse des Wirts bemerkbar mit der Folge, dass dieser keine andere Wahl hatte, als das Gasthaus im April 1982 zu schließen. Am letzten Öffnungstag waren nochmals viele langjährige Gäste anwesend. Ein ehemaliger Welteroder Bürger, den man auch in früheren Jahren nur selten im Schützenhof sah, klagte beim Wirt Hans Maus: „Das Du die Kneipe schließt ist ein großer Fehler, wie kannst Du nur so etwas tun?“. Die ironische Antwort von Hans war: „wenn Alle so oft gekommen wären wie Du, hätte ich nicht zu schließen brauchen“.

Schlusstag im Gasthaus „Schützenhof“

Vorderer Tisch vl. Karl Dieter Leitz, Hans Debus, Karl Heinz Spreitzer, Gustav Wollenberg, Theo Leitz, Walter Crecelius, Lothar Kopp,   Tisch im Hintergrund: Heinz Hilge, Gerhard Beilstein,

vl.: Lothar Kopp, Amalie Back, Karlheinz Kern

wie hier eindeutig zu erkennen ist, wurde gerade ein „Türmchen gebaut“ (Würfelspiel mit oftmals schwerwiegenden Nachwirkungen)

 

                                  Gasthaus „Zur Post“ Inh. Familie Kern

Wie im Prolog bereits ausgeführt, geht der Ursprung des Gasthauses „Zur Post“ auf eine Heirat im Jahre 1855 zurück. Zur Historie ist bekannt, dass das Gebäude nördlich der Kirche bereits im Jahre 1798 als Schule für die Gemeinden Welterod, Lipporn und Strüth genutzt wurde. Wie der Lehrer Johann Georg Bautz, der in diesem Jahr nach Welterod versetzt wurde, in der ersten Schulchronik ausführt, bestand das Haus lediglich aus einem Raum und dem Obergeschoss, die weder vor Wind und Wetter geschützt waren. Wer für den Bau und die Unterhaltung des Schulgebäudes zuständig war, wurde erst in einem Prozess im Jahr 1815 entschieden, und verpflichtete die herzögliche Domäne, die das Gebäude im Jahr 1808 aus den klösterlichen Besitz (Kloster Schönau) übernommen hatte. Das Gebäude selbst wurde in 3 Bauabschnitten errichtet. Im ersten Abschnitt der Schulraum wie beschrieben. Im 2 Abschnitt sah man sich genötigt, eine Küche in nördlicher Richtung anzubauen, was auch zusätzlich zu weiteren Stübchen im Obergeschoss führte. Zur Betreibung von Ökonomie wurde dann später im 3. Bauabschnitt wieder in nördlicher Richtung ein Stall angehängt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es somit 2 Gasthäuser im Ort. Beide Häuser wurden von der gesamten Bevölkerung rege besucht. Einvernehmlich war geregelt, dass die Kerb, die immer am letzten Wochenende im September gefeiert wurde, abwechselnd von einem der beiden Gasthäuser bewirtet wurde. Hatte die Fam. Back vom Gasthaus Schützenhof für diesen Zweck einen Saalbau, den sie nutzen konnte zur Verfügung, so musste die Familie Kern in diesem Fall improvisieren. Hierzu wurden die Räumlichkeiten im Obergeschoss des Hauses und über dem Torbogen ausgeräumt, so dass eine entsprechende Freifläche für Musik und Tanz geschaffen werden konnte. Dieser Aufwand wurde auch noch bis Anfang der 1970er Jahre betrieben und zwar immer dann, wenn die Fam. Kern zum Preisskat einlud. Je nach Anzahl der Teilnehmer waren dann im gesamten Haus (Gastraum, vor der Poststelle und im Obergeschoss) Tische aufgestellt, an die die Teilnehmer 3mal an diesem Abend immer wieder neu zugelost wurden.

Jedoch hatte jeder auch seine Vorlieben, wo und in welchem Haus er sein Feierabendbier oder seinen halben Schoppen trank. Trafen sich im Gasthaus Zur Post eher die Personengruppe Ü50, so waren die jüngeren Jahrgänge mehr im Gasthaus Schützenhof zu finden.

Handlung und Gasthaus Kern  direkt neben der Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Ansicht aus Richtung Kreuzung (Konsum Hertling/Gustav Hehn)

Kerbeumzug im Jahre 1953 vor dem Gasthaus Kern. In der Spitze des Umzugs die Kerbeborsch und Kerbemädcher. vl. Marianne Krist, Ernst Bickert, Christel Göller, Alois Krist

Innenansicht des Gastraums im Jahr 1956

Der Thekenbereich

Revierförster Adolf Michel (Herbst 1956) versorgt sich mit Knapperzeug in der Regel geröstete Erd- oder Haselnüsse

Anlässlich des Sängerfestes im Jahr 1958 waren alle Häuser im Dorf, so auch das Gasthaus Kern, mit Birkenreisig und bunten Bändern geschmückt

Fastnacht 1963 . Vor dem Gasthaus und der Poststelle die Briefträgerin Lisette Binner mit den kleinen Fastnachtern Karl Ulrich Kern und Edgar Klee

Bild Gasthaus Kern 1975 kurz vor dem Abriss

Hausbalken auf der Stirnseite des Gasthauses Kern aus dem Jahr 1664. Die Inschrift weißt den Namen des damaligen Besitzers Johannes Henrich aus und verkündet darüber hinaus Gottes Lob (SOLI DEO GLORIA – GOTT ALLEIN DIE EHR).

Das Gasthaus Kern wurde im Jahr 1975 abgerissen. Der Hausbalken wurde von der Denkmalschutzbehörde des Rhein-Lahn-Kreises gekauft, eingelagert und sichergestellt.

In der Nachkriegszeit war das Angebot der gastronomischen Betriebe sehr überschaubar, so dass im Jahre 1947 die Kerbeborsch die Initiative übernahmen und in diesem Jahre als einmalige Aktion die Kerb bewirtschafteten. Veranstaltungsort war die Dreschhalle am Herberk. Der Tanzboden wurde von Fischbachs aus Lipporn ausgeliehen. Zum Tanz spielte die Kapelle Steeg auf. Der zum Ausschank gebrachte Wein wurde in Dörscheid eingekauft. Nach Angaben von Veranstaltungsteilnehmern und Besuchern war der Wein so herb, dass es einem das Hemd aus der Hose zog.

Neben den v.g. beiden Gasthäusern machte die Fam. Nies ab den 1950er Jahren auf dem Hof Angschied ein kleines gastronomisches Angebot (siehe hierzu auch den Bericht über den Hof Angschied in dieser Chronik). Dieses Engagement führte u.a. auch dazu, dass die Familie Nies Anfang der 1970er Jahre, als die Gastwirte Back und Kern personell überfordert waren, vorübergehend die Kerb im Bundeshaus bewirtete.

Bericht. Bruno Birkenstock

Bilder: Hans Maus, Peter Kern, Bernd Köhler,

Quellen: 1. Schulchronik; Infos des letzten Wirts des Schützenhofs, Hans Maus; Infos vom Enkel des letzten Wirts „Zur Post“ Peter Kern; Erzählungen von Zeitzeugen: Ewald Saueressig sowie eigene Erlebnisse des Autors