Waldbewirtschaftung

von | Erwerbsleben

W e l t e r o d

„Weldert – Walderoth – Walderode “ – Ort, wo der Wald gerodet wurde.

Schon der Ortsname lässt erkennen, dass der Wald in Welterod von je her einen Stellenwert besaß, der über das normale Maß hinaus ging.

Waldbewirtschaftung

Die Gemarkung der Gemeinde Welterod hat eine Gesamtfläche von 994 ha. Hiervon  sind ca. 650 ha bewaldet. Diese bewaldete Fläche unterteilt sich auf ca. 520 ha., die im Eigentum der Gemeinde stehen, und ca. 130 ha. Staatswald. Im Mittelalter stand diese Fläche im Eigentum des Klosters Schönau. Während der Reformation in den Jahren 1541 bis 1544 wurden die Gemeinden Welterod, Lipporn und Strüth evangelisch. Das Kloster Schönau blieb jedoch katholisch. Durch diesen Umstand waren die Konflikte zwischen der Bevölkerung, die überwiegend aus Kleinbauern bestand, und dem Abt des Klosters vorprogrammiert. Die Konflikte gipfelten schließlich im Jahr 1712 in einer Eskalation des fortwährenden Nutzungsanspruchs von Wald und Weiden zwischen der Abtei Schönau und den Vogteigemeinden darin, dass der Abt des Klosters mit Schrot auf das Vieh, das auf den vom Kloster beanspruchten Flächen weidete, schießen ließ. Ein Ochse wurde dabei am Schenkel verletzt. Doch anstatt des erhofften gehorsam der abtrünnigen evangelischen „Untertanen“ haben diese einem gewissen Hofmann, der im Kloster wohnte, einen Ochsen von der Straße weggeraubt. Weiterhin ließ man das eigene Vieh weiter auf den klösterlichen Feldern fressen. Der geplünderte Raub wurde verkauft und das gelöste Geld versoffen.

Napoleon ordnete Deutschland neu. Durch die Verschiebung der französischen Ostgrenze hatten deutsche Territorialherren Gebietsverluste erlitten. Unter dem Vorwand der Entschädigung für ihre Verluste auf der linken Rheinseite konnten die verbliebenen Landesherren aufgrund des Reichsdeputationshauptschlusses vom 25. Febr. 1803 schon lange ersehntes Kirchen- und Klostergut einziehen. Im Zuge dieser Säkularisierung gingen die klösterlichen Flächen zwischen 1820 und 1860 in das Eigentum des Herzogtum Hessen Nassau über. Dieses wiederum wurde dann im Jahre 1866 in den preußischen Staat eingegliedert. Auf diese eingezogenen Waldungen gründet sich der heutige „Staatswald“.

Die Bewirtschaftung sowohl des Gemeindewaldes als auch des Staatswaldes zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde federführend vom staatl. Forstamt, und dieses vertreten durch den örtlichen Förster, durchgeführt. Die Bevölkerungsstruktur war überwiegend landwirtschaftlich geprägt, mit Ausnahme einiger weniger Handwerksbetriebe (Maurer, Sattler, Wagner, Maler, Schreiner, Schmied). Für die anstehenden Arbeiten im Wald war also überwiegend Manpower gefragt. Der Förster rekrutierte seinen Bedarf an Arbeitskräften bei den Kleinbauern, die auf diese zusätzlichen Einnahmen in den Wintermonaten angewiesen waren. Er fungierte somit als größter Arbeitgeber (in Verbindung mit dem Ortsbürgermeister) in der Gemeinde. Eine solche Position verlieh ihm unwillkürlich eine Machtstellung und gab ihm die Möglichkeit auch gewissen Einfluss auszuüben. Neben seinen Aufgaben und seiner Verantwortung für den Wald betätigte sich der Förster in der Regel in Absprache mit dem Jagdpächter in dessen Revier auch als Jagdaufseher. Bei den jährlich stattfindenden Drückjagden war es natürlich gern gesehen, wenn sich die Waldarbeiter freiwillig als Treiber meldeten (Alle waren auf die zusätzlichen Einnahmen aus der Waldarbeit angewiesen und jeder wollte natürlich im nächsten Winter auch wieder eine Anstellung haben).

Das Beschäftigungsverhältnis begann in der Regel in der Zeit, in der keine Feldarbeit mehr stattfand, also in der Zeit vom November eines Jahres und endete im Februar des Folgejahres. Die beschäftigten Waldarbeiter waren in sogenannte Rotten eingeteilt. Im Gemeindewald mit der anteilig größeren Fläche waren 2, im Staatswald 1 Rotte unterwegs. Jeder Rotte stand jeweils ein Haumeister vor. Die zur Verfügung stehenden Arbeitsgeräte waren Eigentum der Arbeiter und bestanden im wesentlichen aus Trummsäge, Waldteufel, Spalt Axt, Axt und Keil.

Die Waldarbeiter des Staatswaldes im Jahr 1921

Hinten von links nach rechts:

Karl Urban, Rudolf Hartung, Emil Weldert, Adolf Lenz, Karl Weber, Adolf Klöppel (Lipporn), Ewald Schneider (Kreke Ewald), Peter Fischbach (Lipporn),

vorne von links nach rechts:

Willi Carl (Hannese Willi), Heinrich Hartung, Wilhelm Birkenstock,

Bedingt durch den Klimawandel wird vermehrt Klage darüber geführt, dass es zu wenig Niederschläge und keine richtigen Winter mit entsprechendem Schneefall mehr gibt. Jedoch kam es auch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu Wetterkapriolen, die u.a. auch zu sehr großen Schäden im Wald führten. Am 17. Und 18. April 1936 schneite es so heftig, dass Welterod für 2 Tage völlig von der Außenwelt abgeschnitten war. Die Schäden im Wald durch Schneebruch waren so groß, dass die Aufarbeitung des Schadholzes nicht alleine durch die örtlichen Waldarbeiter bewerkstelligt werden konnte. Man bediente sich daher der Hilfe des Reichsarbeitsdienstes (RAD). Für die Dauer des Einsatzes waren die Männer in Backs Saal untergebracht.

 

    Einquartierung der RAD-Arbeiter in Backs Saal.-                              Revierförster Adolf Michel mit Arbeitern des RAD

Aufarbeitung des Schneebruchs im April 1936 auf der Ullmark durch Arbeiter des RAD

Nach Ende des 2. Weltkrieges bis zum Strukturwandel Mitte/Ende der 50iger Jahre, also dem Zeitraum ab dem das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder auch die kleinbäuerlich ländlich geprägten Ortschaften erreichte (Pendelbusverkehr zur Sektkellerei Henkel, Maschinenfabrik Wiesbaden, Mahr & Co. etc.) ging man wie in Vorkriegszeiten in den Wintermonaten in den Wald. Es gab weiterhin 2 Rotten Waldarbeiter für den Gemeindewald und 1 Rotte Waldarbeiter für den Staatswald.

Der 1. Rotte gehörten an:

Richard Schmidt , Ernst Vogel, Walter Schmidt, Ewald Saueressig, August Zorn, Friedel Saueressig,

Zu der 2. Rotte gehörten:

Heinz Michel, Josef Kraus, Helmut Fensterseifer, Alois Krist, Willy Himmighofen, Walter Spriestersbach (Gaser), Peter Sauer,

Die Rotte der Staatswälder bestand aus:

Rudolf Hartung, Karl Köhler, Edmund Birkenstock, Karl Kern, Manfred Schmidt,

Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollzähligkeit.

Die Angehörigen der jeweiligen Rotte trafen sich in der Regel in der Ortsmitte so früh, um geschlossen  bei Tagesanbruch ca. 8 Uhr an ihrem Einsatzort im Wald mit der Arbeit zu beginnen. Die Entlohnung erfolgte  im Akkordsystem. Nach Feierabend ging man dann wieder in geschlossener Formation zurück ins Dorf. Hierbei gingen die Älteren an der Spitze der Formation. Jüngere, die abends noch auf Tour wollten und an der Gruppenspitze vorbei wollten, wurden durch leichte Schläge gegen das Schienbein mit dem Axthelm mit den Worten gehindert. „Wir gehen zusammen raus, wir gehen auch zusammen wieder zurück“ (Zitat Rudolf Hartung). Nicht immer gelang das. Einer der jungen Rebellen war Friedel Saueressig, der oft durch den Wald außen an der Gruppe vorbeilief und rief: „ich lasse mich doch von euch Arschlöschern nicht aufhalten“.

Zur Mittagszeit wurde ein Feuer entfacht um das mitgebrachte Essen zu wärmen. Das Essen wurde zu Hause vorgekocht und in dem sogenannten Essekesselche über dem entfachten Feuer aufgewärmt. Hierbei passierte es des Öfteren, dass sich der Lötzinn am Boden des Behälters durch die Hitze des Feuers verflüssigte, und das Essen im Feuer landete. In der Spenglerei Karl Schwarz (Kette Korl) wurde noch am selben Abend die Reparatur durchgeführt.

Wenn man in einer Gruppe zusammenarbeitet ist es Gang und Gebe, dass, wenn Einer Geburtstag hat, eine Gratulation unumgänglich ist. Fatal ist es nur, wenn alle den Geburtstag des Jubilars vergessen haben. Überlieferungen ist dies zum Geburtstag von Karl Köhler geschehen. Dieser ließ sich den ganzen Tag über nichts anmerken. Erst am Abend, als man im Dorf zurück war, sich in der Ortsmitte getrennt hatte, rief den Anderen, die sich schon ein Stück entfernt hatten, nach: „ Ich hatte auch heute Geburtstag und eine Flasche Brandewein hatte ich auch dabei. Aber jetzt ist es zu spät.“

Aufforstung und Kulturen

Im Gegensatz zu der Holzernte in den Wintermonaten standen in der übrigen Zeit des Jahres Aufforstungs- und Kulturarbeiten an. So wurde extra eine Baumschule unterhalb des Aussiedlerhofes Josef Kraus (Krause Jupp) auf der Ullmark eingerichtet. In dieser wurden Samen von verschiedenen Bäumen ausgebracht und die kleinen Setzlinge dann später auf den entsprechenden Freiflächen eingepflanzt. Neben einigen Männern waren hierfür überwiegend Frauen im Einsatz.

Kulturarbeiten im Jahr 1939; Vlnr: Elli Schmidt (Schw. von Paul), Johann Michel, Frieda Schmidt; Richard Back, Hermine Klee, vorne liegend: Otto Nefferdorf,

Kulturarbeiten im Jahr 1952; Vlnr: Ignatz Wagner, Richard Schmidt, Paula Lanio, Erna  Hubich, Friedchen Napp, Friedel Saueressig, Lieselotte Vogel, Ernst Michel, Christel Göller, Helga Schmidt, Heinz Michel, Peter Sauer,

Kulturarbeiten im Jahr 1952, Vlnr hintere Reihe: Ignatz Wagner, Friedel Saueressig, Heinz Michel, Ernst Michel, mittlere Reihe: Paula Lanio, Friedchen Napp, Helga Schmidt, Christel Göller, Lieselotte Vogel, Erna Hubich; vorne liegend: Richard Schmidt, Peter Sauer,

Kulturarbeiten in Baumschule auf der Ullmark im Jahr 1964, vlnr: Revierförster Horst Buhlmann, Erna Hubich, Paula Hilche, Martha Breidenbach

von rechts nach links: Erna Hubich, Paula Hilche, Martha Breidenbach

Veräußerung und Erlös von Holz

Das von den Waldarbeitern (Holzmächer) geschlagene Langholz (Stämme) wurde über das zuständige Forstamt in Nastätten vermarktet. Die geschlagenen Stämme wurden an befestigte Wege gerückt, so dass ein Ab- und Weitertransport mit LKW von dort aus möglich war. Diese Rückearbeiten waren natürlich nur denen im Ort vorbehalten, die im Besitz eines Gaules waren, wie z.B. Karl Debus, Willi Christmann, Julius Christ, Helmut Fensterseifer etc.

Das für die Ortsbevölkerung vorgesehene Brennholz wurde auf Meterstücke geschnitten und in 1 bis 2 Raummeterpacks aufgesetzt. Bei einer angesetzten Holzauktion konnte die Ortsbevölkerung dann das benötigte Brennholz ersteigern. Die benötigte Gesamtmenge war kalkulierbar, da es außer Holz keine andere Heizenergie gab. Der Förster ließ also ausreichend Brennholz für Alle schlagen. Für die Versteigerung wurde vom Ortsbürgermeister in Absprache mit dem Förster ein Mindestpreis pro Meter festgesetzt (Taxe). Man ist dann die einzelnen Holzstöße abgegangen und es konnte dann direkt auf den Stoß geboten werden. Bei entsprechendem Interesse bot man Taxe. Wenn jeder „nur“ Taxe geboten hätte, wäre sicher für jeden genügend Holz vorhanden gewesen. Trotzdem kam es dazu, dass so mancher Holzstoß mit einem Gebot bis zu 30% über Taxe den Zuschlag bekam. Dieser Umstand war manchmal der Lage des Holzstoßes (gute Anfahrbarkeit mit Kuhgespann) oftmals aber auch dem Brandwein geschuldet, der bei solchen Anlässen zum Ausschank kam.

Die im Schlag verbliebenen Baumkronen, in der Regel ab einer Stärke von ca. 20 cm wurden dann nochmals als sogenannter Schlagabraum an Selbstwerber versteigert. Die Aufarbeitung dieser Baumkronen musste dann von dem Erwerber bis zu einem gewissen Stichtag in Eigenregie durchgeführt werden.

Zustand des Waldes

Die zunehmende Klimaerwärmung ab den 1980er Jahren hat auch Auswirkungen auf den Wald. So kommt es immer öfter zu Wirbelstürmen, die im Wald große Schäden anrichten, in dem sie Bäume entwurzeln oder einfach umknicken.

Eine abgedrehte Buche in „Birke“ nach dem Wirbelsturm Kyrill im Jahr 2007

Durch den Wirbelsturm „Wiebke“ im Jahr 1990 sind in Welterod einige Tausend Festmeter Holz umgefallen, entwurzelt oder abgeknickt worden. Nach der Aufarbeitung mussten die Stämme auf Poltern zwischengelagert werden. Die Verbandsgemeinde Nastätten richtete daher in Buch ein Nasslager ein, in dem die Stämme über Jahre hinweg zwischengeparkt wurden. Durch die großflächigen Schäden im gesamten Bundesgebiet fielen die Holzpreise in den Keller. Nach einigen Jahren im Zwischenlager konnte dennoch später bei der Veräußerung ein guter Preis erzielt werden.

Zu wenig Niederschläge und lange Hitzeperioden mit jährlich neuen Rekordwerten schwächt die Abwehrkräfte der meist in Monokultur stehenden Fichtenbestände und macht sie für den Borkenkäferbefall anfällig. Bei einem solchen Befall ist ein schnelles Eingreifen mit modernem Gerät erforderlich um eine Ausbreitung zu verhindern.

Borkenkäfer befallene Bestände hinter der Eisheck und am Zorner Kopp

Ein vom Borkenkäfer geschädigter Baum auf dem Ziegenkopf konnte dem Sturm nicht standhalten

Harvester bei der Aufarbeitung in den vom Borkenkäfer befallenen Beständen am Zorner Kopp

Die großen Geräte sind jedoch nicht nur Segen für den Wald. Durch die Rückearbeiten mit schwerem Geräte werden oftmals gesunde Bäume im Bestand so sehr geschädigt, dass ein guter Preis nicht mehr erzielt werden kann.

Rückefahrzeug am Zorner Kopp

Die Forstwirtschaft greift daher immer öfter auf Methoden früherer Jahre zurück. In Steillagen wie im Herzbachtal übernimmt ein Pferdegespann diese bestandschonenden Rückearbeiten.

Darüber hinaus hat der Wald mit extremen Wildschäden zu kämpfen. Durch den zu hohen Wildbestand kommt es vermehrt zu Schäl- und Verbissschäden durch Reh- Rot- und Muffelwild. Die Schäden führen zu umfangreichen Vermögensverlusten der Gemeinde in  Form von geschältem minderwertigen Holz, misslungenen Kulturen, minderwertigen Qualitäten der verbleibenden Jungpflanzen und erfolglosen Wildschadenverhütungsmaßnahmen. Zwar sind die Abschusszahlen in den letzten Jahren stark in die Höhe gegangen (über 80 Stück Rotwild in einem Jagdjahr), jedoch für eine naturnahe Verjüngung muss der Wildbestand weiter dringend verringert werden.

Rudel Rotwild auf der Ullmark am Dickschieder Weg

Um die Jungbestände vor Verbiss zu schützen erfolgt oftmals eine Gatterung. Der Erfolg in diesen Bereichen ist nicht zu übersehen. Es ist jedoch nicht möglich, den gesamten Wald hinter Gatter zu stellen.

Gatterung Eichenbestand in Weizenhaus                                        30m weiter ohne Gatterung

Gatterung Buchenbestand am Angschied                                           30 m weiter ohne Gatterung

Die letzten Waldarbeiter (Holzmächer) aus Welterod beim Kulturen:

Vlnr.: Heinz Michel, Azubi aus Kasdorf, Josef Kraus, Mathias Nies.
Es fehlt Mario Michel

Bericht: Bruno Birkenstock

Bilder: Bernd Köhler, Bruno Birkenstock, Petra Buhlmann,

Quellen: Erzählungen von beteiligten Zeitzeugen: Ewald Saueressig, Helmut Fensterseifer sowie eigene Kindheitserinnerungen des Autors; Bericht des Revierförsters Martin Janner,

sowie Rettung der Freyheiten des Klosters Schönaus